Mittwoch, 5. Mai 2010

LITERATUR: Liebesleben - Zeruya Shalev

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Die letzten Seiten dieses Buches habe ich vorgestern in strömendem Regen gelesen. Fast habe ich meine Haltestelle verpasst, und als ich aus dem Bus austieg, wollte ich die 5 Minuten bis nachhause nicht abwarten. Ich stand angewurzelt mitten auf dem Gehweg, und als ich das Buch zuschlug, leicht durchgesweicht, merkte ich erst, dass ich klitschnasse Füße hatte.


Wer ein nettes Buch sucht, dass sich wunderbar vor dem Schlafengehen lesen lässt, einem zum Lachen bringt und für ein bissche Zerstreuung sorgt, der wird mit Liebesleben von Zeruya Shalev sicher nicht glücklich. Das hier ist kein schönes Buch über Liebe - oder vielmehr kein Buch über eine schöne Liebe. Der liebliche, rosa-beige schimmernde Einband täuscht ganz gewaltig.
Ja' ara ist Anfang 20, verheiratet, und steht kurz vor der Anfertigung ihrer Abschlusarbeit an der Universität. Alles scheint gut, das Leben vorgezeichnet - nicht aufregedend, aber geordnet - als sie Arie trifft. Plötzlich steht er vor der Tür des elterlichen Hauses, er ist ein Freund ihres Vater und auch mindestens so alt. Ja'ara ist zwar beeindruckt von seiner eleganten Gestalt, aber nicht übermäßig angetan. Erst zuhause, in der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Mann Joni, merkt sie, dass ihr der Herr mit starkem französischem Akzent nicht aus dem Kopf geht.
Was jetzt folgt ist klar: Ja'ara stürzt sich in eine amour fou mit dem alternden Arie. So weit, so gut, damit könnte die Handlung des Buches beschrieben sein. Doch diese Affäre bildet nur die Rahmehandlung: In und zwischen den Zeilen geht es um Ja'aras Kampf mit sich selbst, dem Gespaltensein zwischen eine Leben voll Sicherheit und in wilder Freiheit und dem endgültigen Erwachsenwerden, dass Arie wie folgt beschreibt: Man tauscht ein Problem gegen ein anderes, die Frage ist nur, mit welchem man besser Leben kann.
Ja'ara weiß nicht, mit wem sie besser Leben kann, mit dem aufopferndem Joni oder dem passiv-aggressiven Arie, aber im Grunde ist diese Frage auch nicht wichtig. Hier geht es um etwas ganz anderes: Um die unglaubliche Eigenschaften des Menschen, sich wohlwissend in sein eigenes Verderben zu stürzen und den Punkt, der erreicht werden muss, um sich schließlich selbst - vielleicht auch vor sich selbst - zu retten.

Die israelische Autorin Zeruya Shalev schießt nicht mit Weisheiten um sich, stellt keine moralischen Ansprüche, spricht frei oder verurteilt. Diese Arbeit überlässt die getrost dem Leser. Überhaupt muss der Leser einiges leisten: Hier wird nicht alles vorgekaut und deutlich ausformuliert, die Brücke zu den Abschnitten aus Ja'aras Kindheiten oder Geschichten aus dem alten Testament muss der Leser selbst schlagen. Zeitweise ist das anstregend, da das Buch ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt. Aber umso mehr fühlt man mit Ja'ara die schließlich vor einem Scherbenhaufen steht und auf sich selbst zurückgeworfen wird. Fast kindlich staunend erinnert sie am Ende des Buches:
Die Überraschung liegt nicht in den Fehlern, die man begeht, denn wir wissen von vorneherein, dass wir es tun werden, die Überraschung liegt in der Größe der Auswirkung der Fehler.
Vielleicht zu spät? Oder hat dieser Fehler am Ende nur den richtigen Weg gezeigt? Zeruya Shalev verrät es nicht. Die Antwort liegt im Auge des Betrachters.

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Zeruya Shalev: Liebesleben .Taschenbuchverlag, Berlin 2003

Kommentare:

  1. die Bilder sind super!
    Und ich werde es mir kaufen, ich bin gespannt

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  2. Der Film ist auch ganz großartig!

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