Donnerstag, 4. Februar 2010

KUNST: Der Macher der Mannequins

Er liebte schöne Stoffe und noch schönere Frauen: Keine Dame ohne das richtige Kleid, kein Kleid ohne den richtigen Stoff. Was heute bedeutende Modefotografen sind, war Ingres im 18. Jahrhundert. Was heute eine Modestrecke in der Vogue, das war damals ein Portrait des französischen Klassizisten.

Jean Auguste Dominique Ingres



Er war der Modeliebhaber des 18. Jahrhunderts. Je üppiger das Kostüm, desto besser. Je bunter die Stoffe, desto schöner. Je filigraner der Schmuck und die Schleifen, desto verzückter schwang Ingres seinen Pinsel. Er malte die Schönen, Mächtigen und Reichen Frankreichs. Wer etwas auf sich hielt, der schmiss sich in sein schönstes Kleid und ließ Ingres rufen. Ingres dagegen, der im zarten Alter von gerade mal 16 Jahren im Jahre 1790 nach Paris kam, langweilte die ewige Oberflächlichkeit der Französinnen. Potraitmalerrei war ihm minderwertig. Als eines Tages eine Dame von Welt an sein Atelier klopfte, das Täschchen voller Goldmünzen, um den Künstler gebührend zu entlohnen, wagte sie es zu fragen: "Wohnt hier der berühmte Portraitist Ingres?" Der schmiss mit hochrotem Kopf die Tür zu und schrie dabei: "HIER WOHNT DER HISTORIENMALER INGRES!" die großen historischen Bilder, die monumentalen Mythedarstellungen, dort sah sich Ingres zu Hause. 1801 gewann der mit solch eine Bild (Die Abgesandten des Agamemnon im Zelt des Achilles) den Prix de Rome, welcher dem Gewinner höchsten akademischen Ehren versprach.





Wozu aber dann die Portraits? in Geldnöten war er, ebenfalls ein Schüler Davids, nicht. Was Ingres liebte, waren sanfte Stoffe und elfenbeinfarbene Haut. Er hatte ein Faible für üppige, wertvolle Kleider und - so ließ er gegenüber einem Freund verlauten - war auch nicht der Gesellschaft, junger schöner Frauen abgeneigt. Schließlich waren diese die Mannequins des 18. Jahrhunderts. Er selbst ließ verlauten: "Kunst sollte nichts anderes sein als Schönheit", und malte postwenden ein Selbstportrait, dass ihn selbst in bestem Licht darstellt.



Die Frauen hingegen degradiert Ingres nicht selten zu hübschen, aber leblosen Schaufensterpuppen. Seine ganze Liebe floss in die Darstellung der Stoffe. Noch nie sah man so einen präziesen Faltenwurf, das Schimmern von Samt. Seide wurde greifbar Fein in seinen Bildern, Pelz fast ertastbar weich und flauschig. Sogar Napoleon wurde für ihm zu einem Vorwand, prächtige Kleider herauszuarbeiten, Jean d'Arc steckte er in eine abstrakte, unglaublich realitätsferne Rüstung mit Wespentaille, die die heutigen Models erblassen lassen würde. Kleider, das wusste Ingres schon damals, machen Leute. Und seine dargestellten Damen ließen sich das gefallen: Das Outfit rückt in den Vordergrund und stiehlt nicht selten der Hauptperson die Show. Das Kleid trägt die Dame - nicht die Dame trägt das Kleid. Ingres wäre ein guter Fotograf für die Vogue gerworden.




Ingres hatte nicht nur ein gutes Gespür für die Darstellung der damaligen Zeit: er revolutionierte auch das Frauenbild. Er malte meist Frauengesichter von absolut zeitloser und ungewöhnlicher Schönheit, das es kaum zu glauben ist, dass die Portraits und vielmehr die Zeichnung über 200 Jahre alt sind. Sein Vorbild waren die englischen Frauen, deren Gesichtsform sich durch die lange, gerade Nase, die in einer Linien in die Stirn übergeht auszeichnet. Absolut zeitlos: Sie wurde zum Maßstab Picassos. Er übernahm diese Kopfform, welche charakteristisch für ihn wurde.





Kommentare:

  1. die stoffe sehen wirklich ziemlich geil aus.

    aber gibt es so etwas wie "zeitlose" schönheit? je ne pense pas, würde ich als als aushilfspariser sagen.

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